2.2 Kognitive Verhaltenstherapie
Die klassische Verhaltenstherapie basiert auf den Lerntheorien. Im Laufe der Zeit wurden auch Informationsverarbeitungsprozesse mit einbezogen. Dies wird als kognitive Verhaltenstherapie bezeichnet. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Denken und Gedächtnis haben hier eine zentrale Bedeutung.
Nach Ellis und Beck sind psychische Störungen die Folge unangemessener Denkmuster und Informationsverarbeitungsprozesse. Aus der Kombination der klassischen Verhaltenstherapie und der neueren Ansätze entstand die moderne kognitive Verhaltenstherapie.
"Nicht die Dinge an sich beunruhigen den Menschen, sondern seine Sicht der Dinge."                                                   
                                                                  Epiktet
                                                                  griechischer Philosoph
                                                       
Die kognitive Verhaltenstherapie wurde ursprünglich von dem amerikanischen Psychotherapeuten Aaron T. Beck  entwickelt. Sie soll den Klienten in die Lage versetzen, irrationale Annahmen und automatisch ablaufende negative Gedankenmuster zu erkennen und zu verändern.
Die kognitive Verhaltenstherapie nach Beck beruht auf vier Therapiephasen.
Nach Erfassung aller Symptome werden
  • Aktivitäten erweitert und die Stimmung gehoben
  • automatische Gedanken untersucht, überprüft und widerlegt.
  • unangemessene Annahmen und negative Verzerrungen erkannt
  • Grundannahmen verändert.
Angststörungen
werden unterteilt in Agoraphobien, spezielle Phobien, soziale Phobien, Panikstörungen und generalisierte Angststörungen.
Agoraphobien
Die Betroffenen leiden unter der Angst vor dem Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen oder in grossen Menschenmengen. Agoraphobien können mit Panikattacken einhergehen. Es kommt zu Vermeidungsverhalten. Dies kann die Betroffenen in ihrer Lebensgestaltung extrem einschränken.
Spezielle Phobien
Hier sind die Ängste sach- oder situationsgebunden und beziehen sich auf Tiere, Naturereignisse, das Fliegen, Autofahren usw.
Soziale Phobien
Die Betroffenen fürchten den Kontakt zu ihren Mitmenschen. Sie haben zum Beispiel Angst, ein Restaurant zu besuchen, am öffentlichen Leben teilzunehmen, im Beisein ihrer Mitmenschen eine Unterschrift zu leisten, usw. Auch dies führt zu extremen Einschränkungen der Lebensgestaltung, bis hin zur totalen Isolation.
Panikstörungen
sind nicht sach- oder situationsgebunden. Sie treten plötzlich auf, erreichen schnell ihren Höhepunkt und flachen in der Regel nach ca. 20 Minuten  von alleine wieder ab. Sie gehen einher mit körperlichen Reaktionen, wie Schwitzen, Zittern, Herzrasen, Luftnot und können Todesangst und die Furcht, verrückt zu werden, auslösen.
Behandlungsbausteine bei Angststörungen
  • Psychoedukation
      Informationen über Angst, Angstentstehung, Symptome usw.
  • Selbstbeobachtung
      Protokolle von Angstverhalten, Angstsymptomen usw.
  • Entspannungsverfahren
      Progressive Muskelentspannung nach Jakobsen, Autogenes Training, usw.
  • Kognitive Umstrukturierung
  • Expositionsverfahren, abgestuft oder als Flooding, in sensu oder in vivo
Zwangsstörungen
Hauptsymptome bei Zwangsstörungen sind Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen. Zwangsstörungen gehen häufig einher mit anderen psychischen Störungen, zum Beispiel Angststörungen und/oder Depressionen. Die Folgen einer Zwangsstörung im Umfeld der Betroffenen können gravierend sein. Der enorme Zeitverlust durch das Ausüben der Zwangshandlungen, die Probleme bei der Bewältigung des Alltags und der beruflichen Anforderungen, das Vermeidungsverhalten , der damit oft verbundene soziale Rückzug und die depressiven Verstimmungen sind mit erheblichem Leidensdruck verbunden. Dennoch vermeiden die Betroffenen oft jahre- bis jahrzehntelang den Gang zum Therapeuten.
Bei der Therapie der Zwangsstörungen hat sich die Verhaltenstherapie und die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen.
Therapiebausteine bei Zwangsstörungen
  • Erkennen der automatisch ablaufenden Gedankenmuster und Problembewertungen.
  • Verändern der Gedankenmuster und Bewertungen
  • Verändern der Bedeutung von Zwangsgedanken
  • Verhindern von Zwangshandlungen und verdeckten Reaktionen
  • Training und Stabilisierung des veränderten Verhaltens
Essstörungen
Anorexie
Bei Patientinnen und Patienten die unter einer Magersucht leiden, wird ein Gewichtsverlust angestrebt und erzielt durch eingeschränkte Nahrungsaufnahme, manchmal auch durch selbstausgelöstes Erbrechen, durch exzessiven Sport, Missbrauch von Abführmitteln, Mitteln zur Entwässerung und Appetitzüglern. Die Betroffenen leiden unter einer Körperschemastörung, das heisst, sie empfinden sich selbst dann noch als zu dick, wenn sie objektiv gesehen nur noch "Haut und Knochen" sind. In der Folge treten körperliche Störungen auf. Die Regel bleibt aus, die Haut wird trocken, Haarausfall tritt auf, der Hormon- und Elektrolythhaushalt ist gestört, es kommt zu Hypotonie und Herzrhythmusstörungen. Weiter treten auch psychische Störungen auf. Es kommt zu Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Substanzmissbrauch und Persönlichkeitsstörungen
Therapiebausteine bei Anorexie
  • Normalisierung des Essverhaltens
  • Gewichtstabilisierung
  • Training sozialer Kompetenzen
  • Konflikt- und Problemlösetraining
Weiter geht es um die Bearbeitung von Beziehungsgestaltung und um die Verbesserung der Emotionsverarbeitung.
Bulimie
Eine erfolgreiche Therapie der Ess- Brechsucht ist heute gut möglich. Es geht um die Bearbeitung der folgenden Problembereiche:
  • Essverhalten
  • Angst vor dem Dicksein
  • Essanfälle
  • Schlankheitsideal
  • Zugrunde liegende Konflikte
Behandlungsbausteine bei Bulimie
  • Normalisierung des Essverhaltens
  • Konfrontationstherapie gegen die Angst vor dem Dicksein
  • Konfrontationstherapie gegen Essanfälle
  • Problemlösetraining
Adipositas
Jeder Mensch bewertet ständig die Ereignisse und seine Umwelt. Manche Menschen bewerten auf eine selbstschädigende Art. Die unangenehmen Gedanken lösen unangenehme Gefühle aus. Diesen versuchen sie dann durch Essen auszuweichen.
Zunächst werden die automatisch ablaufenden negativen Gedanken identifiziert, dann bearbeitet und schliesslich durch förderliche Gedanken ersetzt.
Menschen mit Essstörungen haben neben den unangemessenen Gedanken und Bewertungen Schwierigkeiten damit, eigene Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Statt diesen Gefühlen durch Essen auszuweichen, sollten die Betroffenen versuchen, ihre Probleme in kleinen Schritten zu lösen.
Dauerhaft abzunehmen und dann das Gewicht auch zu halten, erreicht man nicht mit irgendwelchen Diäten. Hier hilft nur eine dauerhafte Umstellung der Essgewohnheiten und zwar für den Rest des Lebens.Diese Umstellung wird durch diverse verhaltenstherapeutische Methoden erreicht.
Belastungsstörungen
werden unterteilt in akute Belastungsreaktionen, Anpassungsstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen. Sie werden dann zu den psychischen Störungen gezählt, wenn sie mit Leidensdruck und Verminderung der Leistungsfähigkeit verbunden sind und so das Mass einer üblichen Reaktion überschreiten.
Akute Belastungsreaktion
Sie tritt sogleich in der Folge eines belastenden Ereignisses auf und klingt nach spätestens zwei Tagen wieder ab.
Sie geht einher mit Angst, Verzweiflung, innerer Leere und unter Umständen auch mit Suizidalität.
  • Krisenintervention
Die Betroffenen werden begleitet und bis zu ihrer Stabilisierung unterstützt.
Anpassungsstörungen
treten häufig im Rahmen sogenannter "Schwellensituationen" auf, zum Beispiel wenn enge Beziehungen zerbrechen, beim Verlust der gewohnten Umgebung, bei Arbeitsplatzverlust , Einschulung, Heirat, Geburten eigener Kinder, Scheidung, Berentung usw.
Sie beginnen innerhalb von 4 Wochen nach dem Ereignis und können mehrere Monate andauern.
Anpassungsstörungen gehen einher mit Sorgen, Grübeln, Ängsten, Schlafstörungen, Verhaltensstörungen, innerer Unruhe, Freudlosigkeit und können grossen Leidensdruck mit sich bringen.
Posttraumatische Belastungsstörungen
können nach schwerst traumatisierenden Ereignissen wie Überfällen, schweren Unfällen, dem Erleben von Naturkatastrophen, Vergewaltigung, Geiselnahme, Kriegserlebnissen, auftreten.
Die Betroffenen leiden unter Flashbacks, dem unkontrollierbaren blitzartigen Wiedererleben der Traumatisierungen. Häufig kommen weitere psychische Störungen hinzu, wie Derealisations- und Depersonalisationserlebnisse, Depression und Suizidalität, Panikattacken, Zwangsstörungen, Angst vor dem Alleinsein, Schlafstörungen, Persönlichkeitsstörungen, um nur einige zu nennen. In der Folge kommt es häufig zu Alkohol- und/oder Medikamentenabhängigkeit.
Behandlungsbausteine bei posttraumatischen Belastungstörungen
  • Gesprächstherapie
  • Verhaltenstherapeutische Massnahmen
  • Imaginative Verfahren
  • Hypnose
  • EMDR
In der therapeutischen Intervention hat die Stabilisierung der Betroffenen absoluten Vorrang. Erst dann erfolgt die Bearbeitung der traumatisierenden Ereignisse.
Verhaltenstherapie wir angewendet bei
  • Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten, Drogen, Spielsucht, Arbeitssucht, Raucherentwöhnung,
  • Angststörungen: Agoraphobie, spezifischen Phobien, sozialer Phobie, generalisierter Angststörung, Panikstörung
  • Zwangsstörungen
  • Belastungsstörungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Essstörungen : Anorexie, Bulimie, Binge-Eating-Disorder, Adipositas
  • Psychosomatischen Erkrankungen
  • Verhaltensauffälligkeiten
  • und anderen Störungen